Kurze Geschichte der "Historischen Spandauer Stadtgarde e. V." "Links umkehret Euch", so schallt es alle zwei bis vier Wochen über den Hof der über 400 Jahre alten Zitadelle von Spandau. Unsere Gardisten, mit historischen Uniformen der preußischen Armee um 1750, Dreispitzhüten und nachgestalteten Uniformzubehör, marschieren, wenn auch nicht ganz so exakt wie die Soldaten des Wachbataillons der Bundeswehr, über das jahrhundertealte Pflaster. Besucher sind verdutzt und fühlen sich in die friderizianische Zeit zurückversetzt. Die "Historische Spandauer Stadtgarde e. V." übt wieder für neue Auftritte mit Originalbefehlen aus dem Infanteriereglement der preußischen Armee von 1742. Wir sind ein eingetragener gemeinnütziger Verein, der, 1985 in Berlin-Spandau gegründet, es sich zum Ziel gestellt hat, die brandenburgisch-preußische Geschichte des 18. Jahrhunderts, unter dem speziellen Blickwinkel der Spandauer Geschichte, aufzuarbeiten und mit spezifischen Methoden einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen. Wir repräsentieren das 35. Infanterieregiment der preußischen Armee (das "Prinz-Heinrich-Regiment"), das 1740 gegründet wurde und von 1764 bis 1796 in der Zitadelle Spandau stationiert war. Prinz Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen war ein jüngerer Bruder des "Alten Fritz". Er kommandierte das Regiment seit dessen Gründung, da war er erst 14 Jahre und bereits Oberst, bis zu seinem Tod 62 Jahre lang. Dies ist in der preußischen und internationalen Militärgeschichte einmalig und dürfte absoluter “Weltrekord” sein. 1752 heiratete er die gleichaltrige Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Kassel und zog in das ihm vom König geschenkte Schloss Rheinsberg. Bald nach der Eheschließung lebte er getrennt von seiner Frau, die ein Flügel seines Stadtpalais in Berlin Unter den Linden bewohnte, der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin. Im Siebenjährigen Krieg stellte der zum General der Infanterie beförderte Prinz Heinrich mehrfach sein militärisches Geschick und seine strategischen Fähigkeiten unter Beweis. Zwischen ihm und dem König gab es aber immer häufiger Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Während Heinrich eine Verteidigungs- und Verzögerungsstrategie bevorzugte, ging Friedrich oft mit großer Risikobereitschaft in die Schlachten und verlor diese. Die letzte große militärische Auseinandersetzung dieses Krieges, die Schlacht von Freiberg/Sachsen, wurde von Heinrich mit einem entscheidenden Sieg über die österreichischen Truppen gewonnen. Er erhielt von Friedrich II. (präsumtiv im Mai 1764) das Prädikat “Der fehlerlose Feldherr”, da die von ihm geführten Truppen im Siebenjährigen Krieg unbesiegt geblieben waren. Im gleichen Jahr sollte Heinrich als Kandidat für den polnischen Thron vorgeschlagen werden, was Friedrich II. aber aus bündnispolitischen Gründen verweigerte. Heinrich zog sich fast vollständig auf sein Rheinsberger Schloss zurück und weilte nur noch für wenige Wochen, meist zur Karnevalszeit, in Berlin. In den folgenden Jahren war er in zahlreichen diplomatischen Missionen in Schweden und Russland unterwegs. Er führte Verhandlungen mit dem schwedischen Königshaus und der Zarin Katherina II. zu Bündnisfragen und war auch als Brautwerber für den russischen Thronfolger Großfürst Paul bei Sophie Dorothea von Württemberg erfolgreich tätig. 1801 ließ er sich im Schlosspark in Rheinsberg eine Grabpyramide errichten. Am 3. August 1802 starb Prinz Heinrich von Preußen und wurde, seinem Wunsch entsprechend, in dieser Pyramide beigesetzt. Das Regiment selbst wurde nach der vernichtenden Niederlage der preußischen Armee gegen die napoleonischen Truppen nach der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 aufgelöst. Unsere 15 "Aktiven", d.h. uniformierten, Mitglieder kommen aus allen Schichten der Bevölkerung und Vereinen, vom Geschäftsführer, Polizisten bis zum Elektromonteur, historisch interessierten Bürger, vor allem aus Spandau, aber auch aus anderen Berliner Stadtbezirken. Auch ein Generalfeldscher und eine Marketenderin gehören zur Garde, so dass uns vor "Unwohlsein jeglicher Art" nicht mehr bange sein braucht. Wir sind Gardisten, die dafür einen großen Teil ihrer Freizeit “opfern” und dies mit großer Freude tun. Wir verfügen alle über weitgehend originalgetreu nachgearbeitete Uniformen und Ausrüstungsgegenstände aus den Jahren um 1755, die pro Gardist etwa 3000 .- EURO kosten. Mit diesen Uniformen treten wir bei vielfältigen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung repräsentativ in Erscheinung, so beispielsweise bei Veranstaltungen des Bezirksamtes Spandau, bei den unterschiedlichsten Organisationen und bei Privatfirmen der Stadt Berlin und des Landes Brandenburg. Diese Auftritte führten uns auch von der Fernmeldeschule der Bundesmarine in Flensburg bis ins Europaparlament nach Straßburg. Bei all unseren Auftritten waren wir uniformiert präsent und trugen mit dazu bei, preußische Traditionen mit den uns eigenen Mitteln in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Insbesondere den hunderten ausländischen Gästen, mit denen wir bei diesen vielen Auftritten in Kontakt kamen, haben wir, auch in den dabei geführten Gesprächen, ein Bild von Deutschland und insbesondere von Preußen vermittelt, das Vorurteile abbauen und Verständnis erzeugen sollte. Wir engagierten uns aber auch für soziale Zwecke, indem wir regelmäßig an karitative und kommunale Einrichtungen Spenden übergeben. Unsere "passiven" Mitglieder sind vor allem Kommunalpolitiker aus Berlin, Geschäftsleute, Rechtsanwälte, Ärzte und historisch interessierte Berliner und Brandenburger, die sich unseren Zielstellungen, der Wahrung preußischer Traditionen, aber ohne Stechschritt und militärischem Drill, verpflichtet fühlen. Wir haben uns die Pflege des verpflichtenden Erbes zur Aufgabe gemacht und verfolgen das Ziel, jene preußischen Tugenden wieder lebendig werden zu lassen, die unsere Zeit bitter nötig hat, zumal deren Werte zeitlos sind. Die in Preußen praktizierte religiöse Toleranz, die Würde des Dienens, wie sie im unbestechlichen, von Pflichterfüllung geprägten und bescheidenen Beamtentum ihre Ausprägung fand, die staatliche Sparsamkeit und die allgemeine Disziplin - diese Tugenden stün­den unserer Gesellschaft auch heute noch gut zu Gesicht. Wir wollen hier ausdrücklich betonen, wir sind keine " blinden Verherrlicher " der widersprüchlichen preußischen Geschichte und lehnen auch solche reaktionären Erscheinungen, wie nationalistische Überheblichkeit und Standesdünkel, blinden Kadavergehorsam und militärische Aggressionen konsequent ab. Gute Verbindungen bestehen auch zu in Spandau stationierten Bundeswehreinheiten. Gemeinsame Kameradschaftsabende, wo wir Wissenswertes und Vergnügliches aus dem Soldatenalltag vor 200 Jahren vermitteln, über aktuelle Probleme der Gegenwart dis­kutieren und gemeinsam beim Bier uns besser kennen lernen, so wollen wir die Traditionslinie der preußischen Armee in der Bundeswehr transparent machen. Zur Traditionspflege gehört auch, dass wir jährlich das Tabakskollegium durchführen. Seit etwa 1703 wurden von Friedrich I. in regelmäßigen Abständen in speziellen Raucherzimmern, die sog. Tabagien abgehalten, wo beim Pfeifenrauchen in vornehmer Atmosphäre Konversation gepflegt und Hoftratsch gehalten wurde. Friedrich Wilhelm I., der "Soldatenkönig", übernahm diese väterliche Tradition und veranstaltete ab 1720 bis zu seinem Tod fast täglich ein "Tabakskollegium". Diese Abendveranstaltungen besaßen aber äußerlich keine Gemeinsamkeiten mehr. Das jetzige Tabakskollegium fand in einem schmucklosen Raum, an einem blanken gescheuerten Eichentisch statt, so wie er in jedem Dorfkrug der damaligen Zeit stand. Der Teilnehmerkreis bestand vor allem aus dem König und seinen Söhnen, Generälen, Stabsoffizieren und anderen hohen Beamten. Auch "durchreisende Standespersonen und Gelehrte" und Staatsbesuche waren willkommen. Hier wurde diskutiert und resümiert, französische, deutsche und holländische Zeitungen wurden vorgelesen und Politik gemacht. Es war aber auch und vor allem eine Stätte der Erholung und der bierfröhlichen Geselligkeit mit Zoten, Jagdgeschichten und derben Spä­ßen. Friedrich II. führte diese Tradition in Form der Tafelrunde in Sanssouci weiter, die sich nicht nur äußerlich, sondern inhaltlich wesentlich vom Tabakskollegium unterschied. Die Tafelrunde war geprägt von philosophischen Gesprächen, von Musik und Diskussionen zu weltlichen, geistlichen und künstlerischen Problemen. Ihr gehörten u.a. Voltaire, Marquis d´Dargens und Marschall Keith an. Wir sehen unser Tabakkollegium in der Zitadelle zu Spandau, an diesem geschichtsträchtigen Ort, als Stätte der Begegnung Gleichgesinnter, als Diskussionsrunde zu historischen, aber auch zu aktuellen politischen und kommunalpolitischen Problemen und nicht zuletzt als Ort unbeschwerten Beisammenseins und Feierns. Stolz sind wir auf unsere Kommandantur in der Zitadelle zu Spandau, die wir selbst renovierten. Das Jägerbataillon 581 der Bundeswehr (inzwischen aufgelöst) stellte Stühle, die einst in der britischen Kaserne in Berlin - Spandau standen und auf denen dort die britische Queen und Prinz Charles gesessen haben sollen; andere Gardemitglieder Traditionsgeschirr und andere historisch wertvolle Gegenstände, wie Ölgemälde und alte Modellkanonen, zur Verfügung. Hier finden, bei entsprechendem Ambiente, die regelmäßigen Vereinsabende statt, in denen wir historischen Themen behandeln, mit Gästen diskutieren oder einfach beim Bier zusammensitzen. Wenn auch vom Alliiertem Kontrollrat am 25. Februar 1947 mit dem Gesetz 46 die Auflösung des Staates Preußen, seiner Zentralregierung und aller nachgeordneten Behörden verfügt und konsequent realisiert wurde, so sollen die Aktivitäten des Vereins dazu beitragen, den "preußischen Gedanken" wach zu halten und an die genannten preußischen Tugenden wieder anzuknüpfen.